Johannes Heinrichs – Philosoph der Reflexion

Ein systematischer Denker für das 21. Jahrhundert

Johannes Heinrichs (*1942) hat geleistet, was die Philosophie seit Hegel suchte: eine neue Form systematischen Denkens, die weder dogmatisch noch beliebig ist, weder reduktionistisch noch irrational. Seine Reflexions-Systemtheorie verbindet analytische Präzision mit kontinentaler Tiefe, westliche Rationalität mit östlicher Weisheit, Aufklärung mit Spiritualität – und mündet in konkrete Vorschläge zur Neugestaltung von Demokratie und Gesellschaft.

Eine umfassende Einführung in Heinrichs’ Denken bietet Kai Froebs Studie Johannes Heinrichs: Reflexion und Dialektik, die alle wichtigen Werke systematisch erschließt.

Der philosophische Durchbruch

In Paris entdeckte Heinrichs 1975 den Schlüssel zur Überwindung der nachhegelianischen Fragmentierung: die vierstufige Struktur der Reflexion. Was als Analyse zwischenmenschlicher Begegnung begann, erwies sich als universelles Ordnungsprinzip. Jeder Sinnvollzug – vom einfachen Handgriff bis zur mystischen Erfahrung – durchläuft dieselben vier Stufen: objektbezogene Intention, Selbstreflexion, wechselseitige Kommunikation und Metareflexion auf das gemeinsame Sinnmedium.

Diese Entdeckung ermöglicht erstmals die systematische Integration aller großen philosophischen Traditionen. Marx’ Einsicht in die konstitutive Rolle der Praxis, Kierkegaards Betonung der unvertretbaren Existenz, Husserls phänomenologische Bewusstseinsanalyse, Wittgensteins Sprachphilosophie – sie alle erfassen wichtige Momente der Reflexion, aber erst Heinrichs zeigt ihren systematischen Zusammenhang.

Das Werk

Über fünf Jahrzehnte hat Heinrichs sein philosophisches System in mehr als 40 Büchern und 170 Aufsätzen entfaltet:

Die Handlungstheorie (Handlungen) legt das Fundament: eine systematische Theorie menschlicher Sinnvollzüge von der einfachsten Geste bis zur religiösen Erfahrung – ein „periodisches System der Handlungsarten".

Die Sprachphilosophie in fünf Bänden (Sigmatik, Semantik, Pragmatik, Syntax, Stilistik) entwickelt eine vollständige Alternative zur herrschenden Linguistik. Die Satzbauformel zeigt, wie syntaktische Strukturen aus der reflexiven Natur des Bewusstseins selbst folgen.

Die Sozialphilosophie (Logik des Sozialen) begründet eine neue Gesellschaftstheorie, die das unfruchtbare Dilemma zwischen Handlungs- und Systemtheorie überwindet.

Die politische Philosophie konkretisiert sich im Vorschlag eines Vier-Kammern-Parlaments: bereichsspezifische, jeweils unabhängig gewählte Vertretungen für Grundwerte, Kultur, Politik und Wirtschaft. Das Hauptwerk Revolution der Demokratie und das kompakte Demokratie-Manifest zeigen, wie die strukturellen Defizite moderner Demokratien durch reflexionslogisch begründete Institutionengliederung überwunden werden können. Für ein internationales Publikum: Value-Levels-Democracy.

Die Spiritualitätsphilosophie (Integrale Philosophie; englisch: Diamonds of Integral Philosophy) mündet in die Vision einer „theonomen Autonomie": Die Vernunft erkennt ihre eigene Selbsttranszendenz – Mystik und Logik sind keine Gegensätze mehr.

NEU 2025: Dialektik und Reflexionslogik

Mit seinem neuesten Werk Dialektik als Reflexionslogik legt Heinrichs die systematische Grundlegung seines gesamten Denkens vor. Dieses Buch ist der Schlüssel zum Verständnis der Reflexionsphilosophie – zugleich Einführung und Summe eines Lebenswerks.

Der Denker

Geboren 1942 in Duisburg-Rheinhausen, trat Heinrichs nach dem Abitur 1962 ins Noviziat der Jesuiten ein. Von 1964 bis 1967 studierte er Philosophie an der Jesuitenhochschule in Pullach bei München, wo er auch als Repetitor (Assistent) tätig war. 1972 wurde er in Bonn mit seiner Analyse der Logik von Hegels „Phänomenologie des Geistes" summa cum laude promoviert; für diese Arbeit erhielt er 1973 den Geffrub-Preis. Die Studie (Die Logik der Phänomenologie des Geistes) wurde zur Grundlage für seine eigene Weiterentwicklung der Dialektik und bleibt ein Standardwerk der Hegel-Forschung.

Die vorhergehende scholastische Schulung erwies sich als bleibend wichtig: Bei Thomas von Aquin hatte Heinrichs eine ontologische Grundlage der Reflexionsphilosophie gefunden, die die Neuzeit vergessen hatte – dokumentiert in seiner frühen Studie Intentio als Sinn bei Thomas von Aquin (1967). Die Unterscheidung von impliziter und ausdrücklicher Reflexion wurde ihm zur Grundlage für seine Analyse und Weiterentwicklung der hegelschen Dialektik.

Nach dem Diplom in Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, der Priesterweihe 1974 im Frankfurter Kaiserdom und Forschungsstudien in Paris wurde er 1975 an derselben Hochschule habilitiert. Er befasste sich auf neuartige Weise mit der katholischen Soziallehre, in engem persönlichen Kontakt zu deren Nestor Oswald von Nell-Breuning.

1977 trat Heinrichs wegen grundsätzlicher Kritik an der institutionalisierten Kirche aus dem Jesuitenorden aus, womit er auf seinen Lehrstuhl verzichtete. Diese Entscheidung ermöglichte ihm, sein Denken ohne Kompromisse zu entwickeln – aber sie bedeutete aufgrund des universitären Konkordates mit der Kirche ungewollt auch ein Leben außerhalb der etablierten akademischen Netzwerke.

Von 1998 bis 2002 war er im Rahmen einer Stiftungsprofessur der Schweisfurth-Stiftung Nachfolger des verstorbenen DDR-Dissidenten Rudolf Bahro an der Humboldt-Universität Berlin mit einer Gastprofessur für Sozialökologie. Er lehrte im Rahmen von Gastvorlesungen und Vorträgen in aller Welt, darunter an indischen Universitäten, wo er Verbindungen zur Philosophie Sri Aurobindos und zur spirituellen Gemeinschaft Auroville knüpfte.

Seit 2001 ist Heinrichs verheiratet mit Christel Cleve-Heinrichs. Er lebt in Duisburg und Berlin.

Sein autobiographisches Interviewbuch Das Recht nicht zu lügen (2023) gibt Einblick in den Weg eines Denkers, der Theorie und Lebenspraxis nicht trennt – über sexuelle Heuchelei, Staatskirchentum und die akademische Diskurskrankheit.

Reflexion als Lebensform

Heinrichs’ philosophisches Schaffen ist keine akademische Glasperlenspielerei, sondern existentieller Ausdruck einer Lebensform. Die Reflexion, verstanden als dialogische Bezüglichkeit in allen ihren Formen, durchzieht Denken und Handeln, Theorie und Praxis. Es geht um eine „gelebte Reflexion", die sich in der persönlichen Existenz ebenso bewährt wie in der Gestaltung des Sozialen.

Die stille Revolution

Johannes Heinrichs’ philosophische Revolution fand still statt – fast unbemerkt von der Öffentlichkeit und großen Teilen der Fachwelt. Das ist charakteristisch für echte geistige Revolutionen: Sie beginnen nicht mit großem Getöse, sondern mit der konsequenten Arbeit einzelner Denker.

Xavier Tilliette vom Institut Catholique de Paris würdigte bereits früh Heinrichs’ „ungewöhnliche synthetische Kraft" und sein „Vordringen zum Kern der Probleme". Die neuerdings aufgekommene Rede von „Metamoderne" bekommt durch Heinrichs’ Werk erst philosophische Substanz über ein modisches Label hinaus.

Falls seine Grundthesen richtig sind, hat Johannes Heinrichs tatsächlich eine neue Epoche der Philosophie eingeleitet – die Reflexionslogik wäre dann für das 21. Jahrhundert, was Hegels Dialektik für das 19. Jahrhundert war: der systematische Rahmen, in dem sich eine Epoche philosophisch orientiert.

Reflexivity Press ist stolz, das Gesamtwerk von Johannes Heinrichs in digitaler Form zugänglich zu machen – für Philosophen, für KI-Forscher, für alle, die nach systematischer Orientierung in einer fragmentierten Welt suchen.

Zur Einführung in Heinrichs’ Philosophie empfehlen wir Kai Froebs Studie Johannes Heinrichs: Reflexion und Dialektik.

Derzeit bei Reflexivity Press verfügbare Werke

GW Titel Sprache Ersterscheinung Verlag Ort Typ
47 📚 Dialektik als Reflexionslogik
Versuch einer Systematik von Dialektik-Typen
🇩🇪 🇬🇧 🇫🇷 🇪🇸 2025 Reflexivity Press São Martinho do Porto E-Book
44 📚 Dialektik jenseits von Hegel
Integrale Strukturlogik als Hegels Auftrag für eine Philosophie der Zukunft
🇩🇪 2020 Academia Verlag Sankt Augustin E-Book
42 📚 Value-Levels-Democracy
The Reflection-System-Theory of Four-Segmentation
🇬🇧 2019 Edition Prisma Auroville E-Book
33 📚 Revolution der Demokratie
Eine Realutopie
🇩🇪 2003 Maas Verlag Berlin E-Book

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